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Peter Jagodczynski: Zurück zu den Wurzeln

(Dieser Aufsatz erschien zuerst in Staatsbriefe (www.Staatsbriefe.de)4-5/1999)

Vor gut 2 Jahren luden mich Freunde ein, doch mal wieder mit zum Fußball zu kommen. Fußball, das hieß in diesem Fall für uns: BFC Dynamo. Dieser wurde nach der Wende in FC Berlin umbenannt und spielt nun wieder in seiner ursprünglichen Ostberliner Heimat, dem Sportforum Hohenschönhausen [und heißt inzwischen auch wieder BFC Dynamo Berlin/Kategorie Ostberlin - Anm. nA].

Schon von Kindesbeinen an war ich Anhänger des BFC. Er war in den 80er Jahren dominierend im DDR-Fußball und wurde zehnmal in Folge Meister. Als Lehrbursche und später als Junggeselle fing ich an, von 1985-1988, ins Stadion zu gehen und den Verein auswärts zu begleiten. Schon damals war die Anhängerschaft eher klein aber fein.

Die setzte sich aus Lehrlingen und jungen Arbeitern zusammen. Wir unterschieden uns schon dadurch von den Fans anderer Oberligaclubs, daß wir auf Schals, Aufnäher, Trikots oder Fanwesten verzichteten. Das markanteste an uns waren Bomberjacken und kurze Haarschnitte.

Da der BFC Dynamo im allgemeinen recht unbeliebt und in der DDR-Provinz geradezu verhaßt war, waren die froh, überhaupt Anhänger zu haben, die auswärts mitfihren. So hatten wir ausgerechnet bei Mielkes Lieblingsverein eine gewisse Narrenfreiheit.

Wir konnten in fremden Stadien unbehelligt schwarz-weiß-rote Reichsfahnen (!) und Deutschlandfahnen vor unserem Block an den Zäunen aufhängen. Oder uns auf Transparenten mit skurrilen Namen wie ,,Annale Jungs” oder ,,Die Bösen” schmücken und Lieder singen, für die man heutzutage sofort in den Knast wandert.

Hier bildete sich dann etwa Mitte der 80er Jahre die erste Hooligan-Szene Mitteldeutschlands heraus. Wir waren ein verwegener Haufen, dessen harter Kern aus 50 bis maximal 200 jungen Burschen bestand, die sich in anderen Städten handfeste Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans und Volkspolizei lieferten.

Im Regelfall waren wir stets zahlenmäßig unterlegen, gewannen aber, weil wir durchtrainierter, entschlossener und taktisch gewiefter waren. Soviel zu der Mär von den armen Würstchen aus kaputtem Elternhaus, die sich bloß in der Masse stark fühlen und arme unbeteiligte Passanten vermöbeln.

Übrigens konnte man sich im finsteren Polizei- und Überwachungsstaat DDR wesentlich mehr erlauben als unter dem Regime der sogenannten ,,freiheitlich-demokratischen Grundordnung". Die Bespitzelung und Repressionen, denen unsere Leute heute ausgesetzt sind, sind wesentlich schärfer.

Während wir, übermütige junge Arbeiter, auf der Suche nach Abenteuern durchs Land zogen, fühlten wir uns frei, wehrhaft und unabhängig. Gleich Landsknechten benahmen wir uns rauh und derb, aber waren wir selbst und unverbogen. Noch nichts zu spüren von dem, was mich später als Verbürgerlichung meiner Zeitgenossen so ankotzen sollte.

Als ich nun 1997 wieder ins Sportforum ging, waren neun Jahre seit meinem letzten Spiel vergangen. Mein BFC hieß nun FC Berlin und spielte in der drittklassigen Regionalliga. Aber die Anhängerschaft war dieselbe geblieben. Ich sah viele bekannte Gesichter, aber auch junge, die nachgerückt sind. Gemeinsam feuerten sie die Mannschaft mit ,,BFC!”- und ,,Dy-na-mo!”-Rufen an. Die hektische Namensänderung aus Wendezeiten wird hartnäckig ignoriert. An Ständen sind aber auch nur BFC-Devotionalien erhältlich. Inzwischen hat der Vereinsvorstand dem Rechnung getragen und die Rückbesinnung auf den traditionsreichen Namen angekündigt.

Die derben Gesichter meiner alten Gefährten waren älter und um einige Narben reicher geworden, strahlten aber immer noch die gleiche vertraute Unbekümmertheit und Natürlichkeit aus. Viele, inzwischen Familienväter geworden, kreuzen wie selbstverständlich mit Frau, Kind und Hund am Samstagnachmittag im Sportforum auf.

Hier sind sie unter Ihresgleichen. Zwar waren vor der Wende viele durch Flucht, Ausreise oder Inhaftierung weg gewesen. Oder manchen zog es nach dem Mauerfall in den Westen Deutschlands. Doch die meisten sind zurückgekehrt, um einige Erfahrung reicher und ihrer Herkunft bewußter.

Ach, zum Thema Wende schemt mir folgende Begebenheit erwähnenswert: Ab 1990 fuhren die Unsrigen verstärkt durch das ganze Land (auch zu Spielen ohne BFC-Beteiligung), um den anderen mal zu zeigen, was BerlinerArbeiterbengels so drauf haben. Dabei kam man in den Innenstädten zwangsläufig an Nobelboutiquen vorbei. Das affektierte Luxusgehabe des dekadenten BRD-Bürgertums war so augenfällig und abstoßend, so daß sich unser Mob nicht lange zierte. Es wurden dann teure Klammottenläden regelrecht geplündert. Bei diesen Raubzügen wurden besonders stapelweise Designerpullover italienischer Luxusmarken eingesackt, die eigentlich verwöhnte Bürgersöhnchen und golfende Manager wärmen sollten. So ergab sich das Bild, daß Ostberliner Arbeiterjungs massenweise in 500 bis 2000 DM (!) teuren Pullis rumliefen, und diese wie Trophäen, das der Maßlosigkeit frönende Schicki-Micki-Gesockse verhöhnend, zur Schau trugen.

Mit den Jahren hatte man sich eingerichtet im neuen System. Fast alle haben Arbeit. Auf dem Bau, als Handwerker oder Gerüstbauer. Trotz keinerlei Organisationsstruktur ist es eine relativ homogene Szene mit ausgeprägtem Zusammengehörigkeitsgefühl. Neben Stadionbesuchen und Auswärtsfahrten finden mehrmals im Jahr in verschiedenen Lokalitäten große ,,BFC-Parties" statt. Des weiteren verteilen sich über den Nordosten Berlins einschlägige Kneipen, in denen man Gleichgesinnte treffen kann.

Gelegentlich tut sich ein Anführer hervor, der aber nur zeitweise und aufgrund besonderer Fähigkeiten respektiert wird. Die BFC-Hooligans zählen seit Jahren zu den Besten in ganz Deutschland. Gefürchtet bei allen, von Schalke bis Hamburg, aber auch bei der Polizei. Bei Länderspielen sind dann aber die Rivalitäten vergessen und man fährt einträchtig zusammen zum Spiel und unterstützt unsere DFB-Elf.

Das schlagkräftige Potential ist dem rechten Lager nicht verborgen geblieben und weckte Begehrlichkeiten. Doch die meisten, oft plumpen Unterwanderungs- und Instrumentalisierungsversuche scheiterten alle kläglich und bescherten gelegentlich dem Abgeblitzten eine proletarische Abreibung. Zwar hat sich der eine oder andere auch an Aktivitäten nationaler Gruppen beteiligt, das waren aber eher Einzelfälle und Privatvergnügen. Rein instinktiv wurde die Unfähigkeit und Konzeptlosigkeit der Ghettorechten wahrgenommen und man entzog sich immer wieder einer Einschnürung in deren organisatorischen Korsetten.

Seit zwei Jahren besuche ich nun wieder die Heimspiele meines Vereins. Aus Alters- und Fitnessgründen bin ich freilich nicht mehr so aktiv wie damals. Aber ich genieße das Umfeld und fühle mich wohl und heimisch. Mehr als ich es bei meiner politischen Odyssee durch Parteien, Vereine und Veranstaltungen je empfünden habe.

Mit Befremden mag der eine oder andere reagieren, wenn in einer anspruchsvollen Zeitschrift wie den Staatsbriefen das Unwesen von Fußballrowdys glorifiziert wird. Er mag folgendes bedenken. Die Panikrnache und Greuelpropaganda der bürgerlichen Medien sollte stutzig machen. Hier werden Mechanismen bedient, die wir aus dem politischen Bereich, die wir aus dem politischen Bereich kennen. Statt reißerischen Sekundärberichten auf den Leim zu gehen, ändert man den Blickwinkel.

Ich gewähre Einblicke in das Selbstverständnis junger Berliner Arbeiter, die in erfrischender und hoffnungsvoller Weise dm Antitypus zum reaktionären ,,Boche” verkörpern. Es gibt sie, die Inseln des Elementaren in unserer über und über verbürgerlichten Welt. Man muß sie nur erkennen.

BFCAlptraum